Der Trieb des Getriebenseins

Verharre Augenblick, denn du bist so schön…“Okay, gehen wir schnell da vorne hin, da kann man schöne Fotos machen!“

Es könnte doch so einfach sein: Man hat endlich Wochenende und nutzt hiervon ein paar Stunden, um einen schönen Ausflug mit der Familie zu machen. Und was passiert dann? Der innere Zeitmanager (bei mir sieht er etwa aus wie einer der sieben Zwerge, allerdings mit modernen Equipment wie Handy, Smartwatch, …) ruft ständig „Kommt lauft mal weiter, wir wollen doch ungefähr um 12.00 Uhr im Restaurant sein, um Mittag zu essen. Wenn ihr jetzt nicht einen Zahn zulegt, dann schlafen die Kinder bei der Heimfahrt und ooh weh, du weißt was das heißt: Das abendliche Prozedere erweitert sich gefühlt um das 1000fache und dein Feierabend rückt in so weite Ferne, dass du vorsorglich schon einmal die Zähne putzt, falls du nicht mehr den Weg aufs Sofa schaffst, sondern gleich vom Kinderbett ins Schlafgemach trottest….“

„Mama guck mal, boah, eine Kellerassel!“ Kinder, eine Kellerassel! #augenverdreh# „Wir wollen doch zu dem großen Stein da, ich will noch versuchen ein hübsches Foto zu machen, bei dem keiner in der Nase popelt oder aussieht wie der Grinch.“

Im Urlaub dasselbe Spiel: Angekommen am Strand, die Kinder matschen in aller Ruhe: „Du Schatz, soll ich mal da vorne schauen, ob es da ein Restaurant gibt? Sollen wir nachher noch in die Stadt? Die Zahnpasta ist ausgegangen. Ich kann ja mal im Handy schauen, ob es irgendwo hier im Ausland auch einen dm gibt.“ Da fährt man viele Kilometer um abzuschalten und dann? Der innere Zeitmanagementzwerg, der hat wohl keinen Urlaub. Er starrt permanent auf seine Uhr, dann auf seine Stoppuhr im Smartphone, hält ein Fernglas vor die Augen und sagt: „Denk dran, immer höher, weiter, schneller und bitte genießen, gell!?“

Ist das Normal oder bin ich einfach anders? Vielleicht gehört es ja zum menschlichen Trieb? Wenn man nach Yuval Noah Hararis Buchs „Ein kurze Geschichte der Menschheit“ geht, dann könnte man sagen jein. Millionen von Jahren waren wir Sammler und haben ganz entspannt immer das gesucht, was wir gerade für unser Überleben benötigten: Ein paar Beeren hier, ein Mammutfell da. Dabei bewegten wir uns immer (weiter), zumindest in einem gewissen Radius. Aber dies geschah ohne minutiöse Vorplanungen, wir waren ungebunden und flexibler. Das „still“ sitzen, auf der Stelle treten, das kam erst später… Die Art der heutigen (geistigen) Getriebenheit hat nichts mehr mit der früheren Dynamik zu tun, sondern ist das Ergebnis (und Leid) des Fortschrittes.

Im Coaching/Beratungsbereich hingegen erklärt man dieses Phänomen durch unterschiedliche Charaktere von Time-Line Typen: Wie nimmt eine Person Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahr? Es wird in 3 Typen unterschieden: Between Timer, In Timer, Trough Timer. Throuh Timer sehen oft Ereignisse aus der Vogelperspektive, sowohl Vergangenes, als auch die Gegenwart und die Zukunft. Deshalb fällt es diesen Personen besonders schwer intensiv zu erleben. Between Timer können im Hier und Jetzt erleben, haben aber auch einen Blick auf Vergangenheit und Zukunft. Und dann gibt es noch die In Timer- die König(e)Innen des intensiven Erlebens. Dabei sind vergangene Erlebnisse und zukünftige Planungen gedanklich hintereinander angeordnet. Jeder Mensch hat jeden Zeiterlebenstypus in sich, nur mehr oder weniger ausgeprägt.

Bist du in vielen Lebensbereichen ein In Timer? Dann ist es deine Stärke, das Hier und Jetzt zu genießen. Du sitzt in ein Café, trinkst einen lecker geschäumten Milchkaffee und denkst vielleicht über die Steifigkeit des Milchschaums nach. Wenn ich allein in ein Café sitze…Moment, ich sitze nur in ein Café, wenn ich auf jemanden warte.

Ich kenne sie, es gibt sie, die Personen, die die Zeit aushalten, die IM Moment abschalten. Ihr wisst was ich damit meine!? Mein Mann zum Beispiel kann das! Er schafft es gedanklich HIER zu bleiben und nicht schon an Schritt B und C zu denken. Er sagt, es mache zufrieden. #neid#

Mein Kopf hingegen ist eher wie ein übervoller Schreibtisch, überall kleben kleine bunte Post its, mit Kritzeleien darauf, und diese kleben unter anderem an den Rückseiten von unordentlich gestapelten Papierbergen. Dazwischen schaut ein Stück eines Stabilostifts heraus, während der gute Kugelschreiber mal wieder unter die Computertastatur gekugelt ist. An so einem Schreibtisch ist man nie fertig, weil ständig ein weiteres Post it oder ein verschollener Zettel auftaucht.

Und da ist ja noch mein kleiner treuer Begleiter, mein Zeitmanagerzwerg. Es ist ja nicht schlecht diesen präsenten, inneren Personal Coach zu haben, er treibt mich an und motiviert! Er sorgt dafür, dass eine Entwicklung stattfindet. Er überzeugt mich immer wieder an den Schreibtisch zu sitzen und dort zu arbeiten. Aber die Frage ist schon: Was bringt permanentes Erleben, wenn es nicht tief geht? Lieber Zeitzwerg, das spricht nicht für nachhaltiges Lernen und sich entwickeln. (Der Zeitzwerg kratzt sich gerade am Kopf, tatsächlich hat er da noch nicht so drüber nachgedacht)

Deshalb übe ich jetzt! Denn so eine Zufriedenheit stell ich mir herrlich wollig und angenehm vor. Und dazu nutze ich meine Kinder. Ich versuche zumindest ab und zu, mich auf ihr erleben einzulassen. Denn Kinder sind pure In Timer. Und ich nehme mir Zeit für mein Hobby (wenn ich eins habe- anderes Thema). Oder ich übe, die Gedanken ziehen zu lassen.

Ich weiß, dass mein Zeitmanagementzwerg aufpasst, dass auf meinem Schreibtisch nie völlige Ordnung herrscht, aber ein Stiftehalter, ein Memoboard und eine Papierablage findet er gut.

Was sagt denn dein innerer Zeitmanager?

P.S. Übung für heute erfolgreich bestanden. Einfach mal die kinderfreie Zeit genutzt und gebloggt!

Hoheitliche Grüße vom Chaos-Schreibtisch

Eure Pr(ov)inzessin

Co(oho!)rona

Es hat mich erwischt- wie eine tosende Woge!


Ich stand am Strand mit dem festen, feuchten Sand unter meinen Füßen und zwischen meinen Zehen. Der salzige Geruch in der Nase. Ich spüre noch, dass die Wellen anfangs sanft waren, dann der Sand etwas weicher wurde- dennoch war es ein sicheres Gefühl und auch etwas belebend, das kühle Nass an den Füßen zu fühlen.

Und dann kam sie irgendwann nach 4 bis 6 Wochen: Eine überraschend große Welle, die mich mit all meiner Kleidung ins Meer spülte. Die mich umwarf, kurz den Kopf unter Wasser tauchte, so dass das salzige Wasser in die Nase lief. Das Salzwasser prickelte und brannte leicht in der Nase. Es dauerte einen Moment sich zu orientieren, nach dem sandigen Boden zu suchen und mit der schweren, nassen Kleidung aufzutauchen, während sich die Welle langsam wieder ins Meer zurückbewegte. Aber sie ließ los, die Welle…

Das war Corona bisher…

Während ich anfangs tatsächlich einen Schwall unterschiedlichster Gefühle erlebte: Einen gewissen Adrenalinkick erlebte, ein seltsames Unbehagen der Verletzlichkeit, ein Solidaritätsgefühl…. Alles in allem gepaart mit allerschönstem Frühlingswetter, welches die räumlichen Einschränkungen durch erholsame Gartenzeit vergessen ließ. Abends sogar zum gemeinsamen Sinnieren auf der Terrasse anregte, hatte ich das Gefühl in einer kleinen rosaroten Familienblase zu schweben. Die ausschließliche Zeit mit den Personen des eigenen Haushaltes verband noch mehr.

Dann folgte plötzlich die Welle. Die Welle der Einschränkungen, des Gefühls nicht mehr aufatmen zu können, dem dringlichen Wunsch nach dem Zurück in den normalen Alltag…
Nun haben wir seit 3 Wochen den normalen Alltag, die Kinder besuchen den Kindergarten, die Arbeitskollegen füllen wieder das Büro… Meine königliche Familie hatte das Glück bislang keine massiven Einschnitte wie Jobverlust, Coronaerkrankung oder Ähnliches erdulden zu müssen. Wir haben sogar einen wunderbaren Urlaub (innerhalb Deutschlands) genossen.

Die von der Welle durchnässte Kleidung ist ausgewrungen. Sie fühlt sich nicht mehr so schwer an und trocknet schon leicht an der Sonne. Aber was bleibt dann von der coronalen Welle?
Tatsächlich dachte ich zu Beginn, dass diese Zeit etwas Neues hervorbringt, für mich, meine Familie, vielleicht auch für die Gesellschaft. Doch scheint es lediglich ein Bild zu sein, dass langsam verblasst. Ohne Emotionen, ohne Empfindungen. Eine Phase- gemeistert, bewältigt, Life goes on.

Fast wehmütig schaue ich auf das Bild der Welle zurück und spüre nochmal den Emotionen nach, dem anfänglichen Kribbeln, den Gefühlen der Verbundenheit, der Frage nach Erkenntnis.
Vielleicht bleibt mir einfach nur die Erkenntnis, zu wissen, das unbekannte Dinge, die Angst machen, die anstrengend sind, die einem das Leben unbequem machen, auch einen Reiz haben.

Sandige Grüße

Eure Pr(ov)inzessin